News Detail

Sonntag, den 25. Oktober 10:47 Uhr Alter: 3 Jahre

Vom Genfer See ans Mittelmeer 2009

Von:Roland Kühner

Ein Alpencross der besondern Art

Ende August / Anfang September 2009 waren wieder die Westalpencrosser Uwe, Reiner und Roland unterwegs. Ähnlich wie 2007, als sie  Achim Zahns „Westalpen-Express“ in nur 8 Tagen von Martigny nach Nizza führte, sollte es 2009 eine Nummer größer sein: die Route „Westalpen-Extrem“ vom selben Autor erhebt sich in Thonon-les-Bais aus dem  Genfer See und taucht bei Neckarsulms Partnerstadt Bordighera ins Mittelmeer. 20 Pässe über 2000m Meereshöhe und einen Dreitausender galt es zu bezwingen.

Und der Weg dorthin sollte hart erarbeitet sein: war es am ersten Tag noch ein lockeres Hochkurbeln auf die Portes du Soleil und ein Rendezvous mit den Downhillern im dortigen Park, die erstaunt waren, dass man die Trails auch im Uphill fahren konnte, so ging es am zweiten Tag voll zur Sache. Die Hälfte des Tages musste das Bike untypisch bewegt werden („wer sein Rad liebt, der trägt und schiebt“). Kein Wunder, dass Uwes Tacho irgendwo im Geröll verschwand. Bei der  abschließenden Abfahrt auf 1500 Höhenmetern hatten die Fat Alberts und Nobby Nics einiges zu schlucken. Martigny am Rhone-Knie wartete auf uns. Und dort auch ein Ehepaar, das sofort die RC-Pfeil-Trikots erkannte: Mit Bruno und den Ladies vom RC waren sie zeitgleich auf Sardinien unterwegs.

Die nächsten beiden Tage standen im Zeichen des Mont Blanc. Auf dem Weg zum Grand Col Ferret wurden von einem Wanderer wieder mal Uwes Waden angefühlt, ob sie einer solchen Belastung standhielten (Uwes Motto: lieber ne 48er Wade als ein 34er Ritzel). Aber sie hielten: auch am folgenden Tag über den Col de la Seigne konnte er es beweisen. Der Lohn für die Tortur waren gigantische Blicke auf die vergletscherte Südseite des Mont Blanc und endlose Trails hinunter nach Courmayeur und Bourg. Dort kamen wir kurz in eine Regenfront, schraubten uns abends aber noch 700 Hm hoch nach Tignes, wo wir zur Belohnung für unser Durchhalten mit einer fantastischen Unterkunft in Jugendstil-Zimmern und Kleider-Waschservice bedacht wurden.

Nachdem wir Lac de Tignes hinter uns gelassen hatten, das wie alle Skizentren im Sommer wie ausgestorben dalag, mussten wir wegen Bike-Verbots im französischen Nationalpark Vanoise angesichts möglicher hoher Strafen am Mittwoch unsere Räder talabwärts schieben. Wir revanchierten uns durch eine weitere Auffahrt und rauschten abends hinunter ins Arc-Tal.

Hier trafen wir wieder eine Schweizer Gruppe von Bikern aus Pontresina, die auf einer ähnlichen Route wie wir unterwegs waren. Manchmal beneideten wir sie wegen ihrer kleinen Tagesrucksäcke (unsere wogen 11-12kg) und wegen ihrer längeren Pausen; andererseits konnten sie kaum fassen, warum wir uns die „sauharte Achim-Zahn-Tour“ (Zitat des Chefs) mit zum Teil 18 kg schweren Enduro-Boliden antaten.

Und wir packten noch eins drauf: nach 2000 Hm am 6. Tag mit Temperaturen über 30 °C gingen wir am 7.Tag den Mount Chaberton an; mit knapp 3150 m Höhe sollte er, so hatte es uns Robert schon 1998 beim ersten RC-Pfeil-Alpencross erzählt, auf einer Militärstraße bis zum Gipfel befahrbar und somit einer der höchsten Punkte für Biker in den Alpen sein. Da wir jedoch von der „falschen“ Seite ankamen, standen zunächst mal wieder Schieben und Tragen bis zum Sattel auf dem Programm. Auf dem Gipfel neben den französischen Geschütztürmen aus dem ersten Weltkrieg wärmten wir uns mit einem Gipfelsekt auf. 1800 Hm Abfahrt auf zum Teil ruppigem Weg bis Fenils lagen vor uns. Aber Nicolai und Scott brachten uns sicher nach unten. Hatten wir auf dem Gipfel bei 9°C noch gefroren, so schwitzten wir im Tal bei über 30°C. Am Abend trafen wir in einem halb verfallenen Dorf namens Thures ein, nahmen Quartier im Posto Tappa, einer einfachen, aber blitzsauberen Wanderer-Unterkunft, und genossen als einzige Gäste ein landestypisches Menü.

Genossen haben wir auch am Samstag, dem folgenden Tag, und zwar: die kristallklare Luft; die Ruhe im von der Sonne beschienenen und von Grashüpfern übersäten Val Argentiera; die kurze Pause auf dem Col Mayt; die Spaghettis in Abries; zu sehen, wie schnell Uwe seinen Standplatten nach dem Mittagessen reparierte; die einsame Auffahrt zum Passo di Vallanta; den Monte Viso, der sich aus den Wolken schälte; die Abfahrt schon beinahe bei Nacht ins Varaita-Tal und nicht zuletzt das Nachtmahl, das uns eine Hotelmannschaft spät abends um 22 Uhr noch ohne Zeitdruck servierte. Nach den absolvierten 2560 Hm und 71 km sogar ein Hochgenuss!

In den nächsten 2 Tagen absolvierten wir ein Tal-hopping: vom Varaita-Tal ins Maira- und dann ins Stura-Tal. Ganz sicher in Erinnerung werden uns bleiben die exzellent geführten Übernachtungs-Gasthäuser in Vernetti und Sambuco, die durch Konzentration auf Biker und Wanderer eine Nische vorbildlich besetzt haben: Reparaturmöglichkeiten, vom Chef ausgearbeitete Bike-Führer der Gegend, Beratung und nicht zuletzt ungemein leckere und üppige Mahlzeiten sprechen für sich. Und das angesichts verfallender Häuser, ja ganzer Gemeinden in der Umgebung.

Über den Colle Lombarda und Isola 2000 kamen wir den See-Alpen näher. Über Schiebe-Pässe und teils heftig ruppige Karrenwege, vorbei an Sehenswürdigkeiten wie dem Jagdschloss italienischer Könige bei Terme di Valdieri näherten wir uns der Tenda-Grenzkammstraße von Westen. Unvergesslich der Blick vom Fort de la Marguerie hinunter auf die 47 Kehren der Südrampe des Colle di Tenda, halb geschottert, halb asphaltiert. Beim Cappuccino auf der Hütte kam uns die Idee, wenn wir jetzt schon mal da sind, auch diese Rampe zu befahren (und nicht nur die Nordrampe, die tags darauf auf unserem Programm stand): man könnte ja die Rucksäcke oben lassen. Gesagt, getan: 1 Stunde und 15 Minuten später hatten wir die 600 Hm runter und rauf absolviert.

Die beiden letzten Tage hatten es noch mal in sich: Fox, Magura und Scott Equalizer hatten jede Menge zu tun, die Wege glatt zu bügeln. Es gelang ihnen nicht immer. Ab und zu mussten wir anhalten, um die Hände wegen der extremen Rüttelei auszuschütteln oder ein anderes Fleckchen auf dem Allerwertesten zu finden, das noch nicht schmerzte. Leider war die Unterkunft vor dem letzten Tag die schlechteste der gesamten Tour. Es war halt die einzige Hütte, die es da gab. Und um zu ihr zu gelangen, mussten wir abends noch 500 Hm und 5 km abfahren. Dafür, dachten wir, hätten wir am nächsten und letzten Tag nach der Auffahrt zum Bergkamm eine lockere und schöne Abfahrt zum Mittelmeer. Jedoch weit gefehlt: nach spektakulären Singletrails entlang von Felswänden, zum Teil seilgesichert, führten uns die alten Dynamit-Wege, von den Militärs in die Felsen gesprengt, weit über dem schon seit Morgen sichtbaren Mittelmeer bis kurz vor Ventimiglia, wo wir wieder in die Zivilisation eintauchten. Ein Katzensprung war es bis Bordighera, wo wir Quartier nahmen und die „Stadt unter Palmen“ mit ihrem Strand und der sehenswerten Altstadt bei Gelati und Pasta genossen. Am Samstag wurde der heiße Wunsch eines einzelnen Herrn erfüllt: Monte Carlo im Staate Monaco. Auf Rädern hin und zurück eine Abwärm-Etappe (wenn es nur nicht so heiß gewesen wäre!). Ein kurzes Bad dort bei den Reichen und Schönen war Pflicht. Auch eine Besichtigung des Hafens mit Traumyachten und Einkaufen von Souvenirs waren angesagt.

Am Sonntag früh war unser Fahrer Klaus angekommen und hatte vom Neckarsulmer OB Scholz zwei Fläschchen Wein und ein Foto mitgebracht, das uns drei Biker mit ihm zusammen vor der Ballei zeigt. Diese Präsente überreichten wir dem Tourismus-Manager von Bordighera im Rahmen der Städtepartnerschaft. Im Gegenzug schenkte er uns DVDs und Bücher über Bordighera.

Fazit: 14 ausgefüllte, hart erarbeitete Etappen mit über 28000 Höhenmetern und 900 km in einsamer grandioser Natur, gnadenlose Materialschlacht, super Wetter und eine gute Kameradschaft zeichneten diesen grenzwertigen Alpencross aus, der für immer in unserem Gedächtnis eingebrannt sein wird.

Reiner Traub / Uwe Wlodarczyk / Roland Kühner